Iftar /Fortbildung

Ein herrlich witziger Bericht zu unserer letzten Fortbildung mit anschließendem Fastenbrechen von Mentor_innen und Mentees von unserem Mentor Fabian Köhler.
Ode an die Melone. Fastenbrechen mit Wegweiser.
Natürlich bin ich nicht nur wegen des Essens gekommen. Aber Hunger hatte ich eben auch, als ich am Freitagabend in dieser kleinen Wohnung im Wedding ankam. Um genau zu sein: großen Hunger. Nein, selber fasten tue ich nicht. Ich hatte den halben Tag gearbeitet, die andere Hälfte Sport gemacht und dabei wie so häufig das Essen einfach vergessen. Was kann es da also Besseres geben, als die Fortbildung zum Flüchtlingsmentor mit dem legendär üppigen Abendmahl fastender Muslime zu verbinden?
Zumal es, als ich gegen 19 Uhr ankam, auch nicht mehr länger als eine halbe Stunde dauern dürfte. Das zumindest hatte mir mein Freund Mohammed in der U-Bahn zu verstehen gegeben, als ich ihn Tage zuvor gegen 19.45 Uhr gedankenlos ein paar gesalzene Nüsse anbot. Sein Fasten habe er längst gebrochen, versicherte er mir, und griff zu. „Hatte Iftar nicht etwas mit Sonnenuntergang zu tun“, wunderte ich mich zwar kurz. Aber ebenso schnell holte mich der Gedanke ein, dass einer der „Mohammed“ heißt, ja wohl besser übers Fasten Bescheid wissen wird als ich.
Aber zurück in die kleine Weddinger Wohnung: Von Fortbildung war dort um kurz nach sieben ebenso wenig zu spüren, wie von den angekündigten 40 Leuten, die hier ihr Fasten brechen wollten. Stattdessen standen Natalia und eine Frau, die sich mir als Steffi vorstellte, in der Küche, schnibbelten Salat und schnitten Melonenstückchen. Um genau zu sein: Große saftige Wassermelonenstückchen. Dazu muss ich sagen: Wassermelone ist eines meiner sommerlichen Hauptnahrungsmittel. Oft reicht mir mein Kiez-eigener Gemüsetürke schon im Vorbeigehen die tägliche Portion. Müsste ich mich für einen fruchtigen Begleiter für die symbolische einsame Insel entscheiden, die Wahl fiele zweifelsohne auf die süße Riesenbeere mit dem Nährstoffgehalt – nunja – eines Glases Wassers. Aber Imagination gehört eben auch zum Essen dazu.
Apropos Imagination: Während die Zahl jener Menschen, an denen der Wasser- und Nährstoffentzug scheinbar folgenlos vorrüberging, immer mehr zunahm, entwickelte sich mein Fasten-Quickie im Anblick der verbotenen Frucht zunehmend zur Tortur. Die Qual nahm noch zu, als mir einer der Mentees beiläufig die niederschmetternde Nachricht überbrachte, dass sich mein Freund Mohammed wohl geirrt haben musste. Oder sich irren wollte. Nicht 19.30 Uhr, sondern erst zwei Stunden später soll Iftar sein.
Sollte ich mein kurzzeitliches Solidaritätsfasten vielleicht doch besser abbrechen? Aber würde ich den tatsächlich Fastenden den Verzicht nicht noch schwerer machen, wenn ich nun genüsslich vor ihnen anfing, an einem Hähnchenschenkel zu knabbern? Gebietet es nicht auch die normale Höflichkeit, mit dem Essen zu warten, bis alle soweit sind? Aber vielleicht wenigstens ein Glas Wasser?
Je mehr ich bemühte, nicht ans Essen und Trinken zu Denken, umso mehr musste ich genau jenes tun. Und schon war ich gefangen im gedanklichen Ramadan-Bullshit-Bingo. Auch nichts zu Trinken? Nicht einmal Wasser? Und Rauchen? Aber das ist doch ungesund. Müssen Kinder eigentlich auch? Und was, wenn ich krank bin? Macht einen das nicht unausgeglichen?
Gestellt habe ich die Fragen freilich niemand. Das Anstrengendste am Ramadan seien die immergleichen Fragen der Nicht-Muslime, hatte mir Freund Mohammed schon im letzten Jahr gesagt. Und ohnehin kannte ich die Antworten längst. Schließlich habe ich schon Muslimen dumme Fragen zum Fasten gestellt, da kannten meine Freunde das Fasten-Gebot allenfalls vom Anschnallzeichen im Flugzeug. Wenn jemand Muslimen diskret beim Fasten zuschauen kann, dann ich. Andererseits: Besser ein schlechter Smalltalk als gar keiner. Und hatte nicht auch Steffi vorhin den Typen mit der Laufgruppe gefragt, ob seine Schützlinge auch beim Fasten Sport treiben? Und Steffi ist doch schließlich selbst eine…? Oder doch nicht?
Ach, was soll’s. Ich schnappe mir also den erst besten Small-Talk-Aspiranten und beginne das Gespräch mit dem denkbar einfallslosesten aber vielleicht auch ehrlichsten Einstieg. Mit jenen beiden Worten, die wie keine anderen den Blick des nicht-fastenden Teils der Welt auf den fastenden zusammenfassen: „Na, Hunger?“
Es funktionierte. Denn, was macht der fastende Muslim, wenn der nicht-fastende Nicht-Muslim das Fasten schon wieder auf die banale Frage nach der Nahrungszufuhr reduziert? Er hält einen ausschweifenden Vortrag darüber, dass es im Ramadan um so ziemlich alles gehe, bloß nicht ums Essen. Doch je länger Imran über die Bedeutung von Demut, Hingabe und Bescheidenheit im Ramadan referierte, desto mehr schweiften meine Blicke in Richtung der saftigen Melonenstücken, die am anderen Ende des Tisches auf mich warteten.
Irgendwann war es schließlich soweit. Noch zwei Minuten bis zum Iftar verkündete Ahmed und ich war mir sicher: Gleich werden sich Dutzende ausgehungerter Muslime und Teilzeit-fastende Nicht-Muslime hemmungslos auf das Büfett stürzen. Hähnchenschenkel werden durch die Luft fliegen, Köpfe in Bulgur-Schüsseln verschwinden. Backentaschen werden mit Datteln vollgestopft, um anschließend mit litterweise viel zu süßem Tee hinuntergespült zu werden. Und ich werde mir die größten Melonenstücken schnappen und stolz darauf sein, dass ich schaffte, was ich eigentlich jeden Tag mache: mal zwei Stunden nichts essen.
Doch als sich Ahmed schließlich aufbäumte, um den besten Moment des Tages verkündeten, folgt stattdessen die größte Ernüchterung des Tages. Seine kurze arabische Ansprache lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Erst beten, dann essen.“ Ein Gefühl des Betrugs machte sich in mir breit. Als würde man einen Marathon laufen, nur um auf der Ziellinie zu erfahren, dass kurzerhand noch fünf Kilometer draufgeschlagen wurden. Oder um beim Setting zu bleiben: Als hätte Hiob all die Jahre Entbehrungen, Krankheit und Schmerzen erlitten, um am Ende… Nagut, dieses Vergleich führt vielleicht doch zu weit.
Aber wo wir schon einmal bei Gleichnissen sind: Mir kam dann doch noch die rettende Idee. Wie war das mit dem Baum, der kein Geräusch macht, weil ihn niemand hört? Können dann religiöse Gefühle verletzt werden, wenn gar kein Religiöser anwesend ist? Während die Fastenden also in ihren Gebetsräumen verschwanden, machte ich mich über das Buffet her, schaufelte Bulgur-Salat auf meinen Teller, knabberte an gefüllten Teigtaschen und schob ein Melonenstückchen nach dem anderen in meinen ausgetrockneten Mund.
Als dann schließlich die Betenden zurückkehrten, war es wirklich soweit. Auf den Teller wurden Hähnchen und Fleischbällchen neben Salaten und Frietiertem gestapelt und anschließend mit Erdbeeren und süßem Gebäck verziert. Nur ein Pappteller bleibt auffällig leer: meiner. Nun stellen mir Leute die allzu offensichtliche Frage: „Was ist los mit dir, Fabian, willst du nichts essen?“ „Ähm“, antwortete ich und steckte mir das letzte Melonenstück in den längste gefüllte Magen: „Ach nein, ich hab gar keinen Hunger.“

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