Ein Zuhause für Umm Ahmed

Unsere Mentorin Sultan berichtet:

Eigentlich war ich sauer, so ziemlich. Weder Laura noch Umm Ahmed hatten mir rechtzeitig abgesagt.[1] Es war ein Freitagabend im November, kalt, grau und verregnet. Ich hatte noch meine Tochter in der Musikschule in Kreuzberg abgeben und war sofort nach Westhafen hochgefahren, damit ich Umm Ahmed bei der Wohnungsbesichtigung behilflich sein konnte. Nachdem ich vergebens auf Umm Ahmed gewartet hatte, besichtigte ich die 3-Zimmerwohnung alleine. Ich entschied, dass ihr die Wohnung gefallen würde. Sie war gut geschnitten, sauber gehalten, mit einer Einbauküche bestückt. Was könnte man noch von einer ordentlichen Wohnung erwarten? Aber wo war Umm Ahmed überhaupt? Die Vormieterin, eine Physiotherapeutin in ihren Mitt-Zwanzigern, hatte nur formale Fragen: Wieviele ziehen ein? Wie hoch ist ihr Einkommen? Ich erklärte ihr die Situation, nämlich, dass ich nur Mentorin und Übersetzerin sei. Die eigentlichen Mieter eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien. Ihre Augen weiteten sich: „Haben die überhaupt ein Einkommen, fragte sie mich ein wenig beherrscht. Ich weiß nicht, ob die Vermieter, dass so gut finden“, fügte sie entschuldigend hinzu.  Das Jobcenter zahlt die Wohnung. Die Miete ist also gesichert, sprach ich bestimmend. Ok, und wo ist die syrische Familie, fragte sie mich.

Ich lief noch einmal auf die Straße und lief sie im Regen auf und ab. Einen Regenschirm hatte ich auch nicht mitgenommen. Vielleicht hatte sich Umm Ahmed verlaufen. Laura erreichte ich schließlich und sie war überrascht, dass Umm Ahmed nicht erschienen war. „Das kann nicht sein, sie suchen verzweifelt eine Wohnung. Ich habe ihrem Sohn alle Infos weitergeleitet und mehrmals Rücksprache gehalten. Der spricht eigentlich ganz gut deutsch“, versicherte mir Laura. Vielleicht waren wir einfach alle gerade lost in translation? Obwohl Laura sich mehrmals bei mir entschuldigte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass hier etwas fundamental schief gegangen war. Wahrscheinlich wusste Umm Ahmed noch nicht einmal, dass sie heute eigentlich eine Wohnung besichtigen sollte, hätte können. Ich konnte sie aber auch nicht erreichen. Sollte ich einfach nach Hause gehen und mich um meine eigenen Probleme kümmern? Hatte ich nicht selbst genug liegengebliebenen Chaos in meinem Leben? Was machte ich hier eigentlich? Nach insgesamt einer Stunde vergeblichen Wartens erreichte mich ein Anruf von einer jordanischen Whatsapp-Nummer. Sultan, Habibty, ana asifa jiddan. Umm Ahmed sprach aufgeregt, es ist ein Mißverständnis. Wo bist du? Komm‘ rüber auf einen Tee. Ich kann dir alles erklären. Ja, kommst du? Komm, wir trinken einen Tee, redete Umm Ahmed mir gut zu. Und so wie ich in die erste Situation geraten war, geriet ich in die nächste. Ich lief also zum Flüchtlingshotel.

Ich war nicht wirklich verloren. Es war nur etwas merkwürdig im Industriegebiet des Westhafens unterwegs zu sein. Ich lief in einer Art Niemandsland zwischen Fabrikschornsteinen aus dem letzten Jahrhundert und riesigen Straßenkreuzungen als einzige Frau, gar einziger Mensch in diesem Regen. Schließlich kam ich an die Brücke. Von der Brücke aus, konnte ich die Hotellichter schon von weitem sehen. Ein Zimmer zwei Hochbetten, pro Person pro Nacht €50,-,  4 Leute pro Zimmer. Ein Bad mit WC für alle Zimmerinsassen. Eine Küche gab es nicht. Im Erdgeschoß gab es 16 Kochplatten für insgesamt ca. 200 Flüchtlinge.  Dennoch hatten mich Dalia, Selma und Umm Ahmed letzten Sommer zum Essen eingeladen.  Dalia, war meine eigentliche Mentee, Selma und Umm Ahmed waren ihre Weggefährtinnen, Nachbarinnen und Freundinnen. Wenn ich Dalia traf, traf ich immer zusätzlich Selma oder Umm Ahmed mit. So war es auch mit dem Abendessen gewesen. Dalias Mann hatte nach dem Abendessen eine Wasserpfeife angemacht und so saßen wir alle zusammen und redeten über ihre Fluchterfahrungen. Umm und Abu Ahmed erzählten von ihrer Odyssee. Sie waren zuerst nach Jordanien geflohen waren und hatten dort mehrerer Monate verbracht, um zu sehen, ob sich der Krieg vielleicht noch beruhigt. 6 Monate später war ihnen klar, dass dieser Krieg nicht so schnell enden würde und dass auch Jordanien keine Chancen bot. DerEnzige, der Arbeit fand war Ahmed, Umm Ahmeds Erstgeborener. In Syrien hatte er gerade sein Abi bestanden und wollte eigentlich studieren. In Jordanien wurde er als Kellner zum Hauptversorger der Familie. Die zwei jüngeren Kinder gingen zur Schule. Von Jordanien aus hatten sie den minderjährigen Sohn auf die Flucht nach Deutschland geschickt. Nach Ankunft in Deutschland hatte er es geschafft innerhalb eines Jahres die Familie nachzuholen. Alle waren nun in Deutschland, bis auf Ahmed, der rechtlich gesehen zu alt für die Familienzusammenführung war und seit ca. 6 Monaten alleine in Jordanien wohnte. Lam Shamal war das Wort des Abends, weil sie Familienzusammenführung nicht aussprechen konnten. Selma hielt sich während des Gesprächs zurück und versank immer wieder in Gedanken. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie bei ihrem Mann und ihrem zwei-jährigen Sohn war. Selma hatte ungewöhnlicherweise die Flucht allein mit ihrer Tochter angetreten. Lam Shamal, wiederholte ich immer wieder und dass es ein Recht ist, das es schon klappen wird. In sha Allah.

Im Hotel angekommen, lass‘ ich Umm Ahmed anrufen. Ich darf nicht hoch und soll in der Lobby warten. Die Lobby ähnelt einer Rumpelkammer. Zwischen zusammengepferchten Spiegeln, Buddhastatuen und Leuchten, sowie hochgestellten Stühlen auf klobigen Tischen spielen mehrere Kinder ein Spiel. Es ist eine Art Händeklatschen mit arabischem Gesang. Witzig diese Kinder denke ich, ihr Spiel geht einfach weiter, zwischen diesen hochgestellten Stühlen, trotz der Flucht und trotz der veränderten Umgebung finden sie sich und spielen ihr Spiel weiter. Das können vielleicht nur Kinder. Einfach weiterleben und ihr Kindsein ausleben, wann immer sie es können. Ich setze mich an einen Tisch und warte. Innerhalb von wenigen Minuten taucht auch Umm Ahmed auf. Sie ist angezogen wie immer, schön elegant in einem schlichten Schwarz. Sie trägt einen klassischen schwarzen Mantel mit Lederpatchwork an der einen Seite. Ihr beiges Kopftuch unterstreicht ihre grünen Augen. Sie ist eine stattliche und gepflegte Frau mit einem sehr freundlichen Gesicht. Ich schätze sie auf ende Vierzig. Wir umarmen uns zur Begrüßung. Ich merke, dass mein Ärger nachlässt, ich freue mich einfach sie zu sehen. Sie fasst an meine nasse Jacke, du bist durchnässt stellt sie fest. Umm Ahmed setzt sich hin und entschuldigt sich mehrmals, dafür dass sie meine Zeit so in Anspruch genommen hat. Wir hatten Laura abgesagt, weil die Wohnung €40 zu teuer fürs Jobcenter war. Aber €40, das ist ja nicht so viel Geld, da hätte man doch noch einmal mit dem Jobcenter reden können, erwidere ich. Umm Ahmed antwortet nicht und zuckt nur mit den Schultern. In dem Moment kommt ihr Mann rein und stellt ein kleines Tablett mit einer Flasche Wasser und einer Orange auf den Tisch. Wir begrüßen uns kurz. Er und Umm Ahmed schauen mich verlegen an. Während er wieder rausläuft, erzählt Umm Ahmed den Kopf zur Seite geneigt und den Blick nach unten: „Die Kochplatten waren alle besetzt, deswegen können wir dir nur Wasser anbieten.“ Ya Salaam, Umm Ahmed, ich dachte schon etwas Schlimmes sei passiert, sage ich keck. Ya Sultan, wir haben eine Wohnung gefunden, aber wir mussten €4000,- aus eigener Tasche zahlen, sagt Umm Ahmed weinerlich. Ich merke wir mir ein Kloß im Hals stecken bleibt und greife nach der Wasserflasche. Wie jetzt, an wen musstet ihr das zahlen? Wir haben monatelang nach Wohnungen gesucht, verstehst du, aber wir bekamen nie eine Zusage, oder das Jobcenter weigerte sich das zu zahlen. Entweder war die Wohnung zu klein oder zu teuer. Immer gab es irgendein Problem und dann haben wir es so gemacht, wie es alle machen. Wir haben €4000,- an den arabischen Makler gezahlt. Tausend Euro pro Person Kopfgeld, der hat uns eine Wohnung besorgt, wir haben den Vertrag unterschrieben. Es ging nicht anders, es geht nicht mehr. Ich kann hier nicht mehr leben. Dieses Hotel, diese Straße, meine Kinder, mein Leben. Mir ist alles fremd, ich habe mein Leben verloren, wer ich war, wie wir waren. Mein Ältester in Jordanien zu alt für Lam Shamal.  Das Geld hatten wir für ihn aufgespart, um den Schlepper zu zahlen. Er wartet schon seit Monaten darauf und jetzt haben wir das ganze Geld an den Makler gezahlt. Wir konnten nicht anders, egal wie wir es machen, machen wir es falsch. Irgendetwas bleibt zurück. Yikhrab beithom, rutschte es aus mir heraus: „Möge ihr Haus zusammenbrechen!“ Damit meine ich diese Makler, die aus dem Leid der Geflüchteten ein Geschäft machen. Umm Ahmed bebt mit dem ganzen Körper und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Keiner weiß wie das ist, wenn man kein Zuhause mehr hat.

Ich versuche gut auf Umm Ahmed einzureden und strecke meine Hände über den Tisch zu ihr aus. Umm Ahmed, sieh es doch mal so. Ihr werdet bald in eure neue Wohnung ziehen. Ein neues, besseres Kapitel in eurem Leben beginnt nun. 6 Monate später habt ihr das Geld wieder zusammengespart, um deinen Sohn aus Jordanien zu holen. Du baust dir nun eine zweites Zuhause in Deutschland auf und wenn der Krieg in Syrien endgültig vorbei ist, kannst du auch in deine alte Heimat fahren, in deine alte Wohnung. Umm Ahmed lächelt, aber es ist ein müdes Lächeln. Sie legt ihre Hände in meine. Wir haben kein Haus mehr in Syrien, es wurde dem Erdboden gleichgemacht. Wir haben nichts mehr. Meine Eltern sind darin gestorben. Wir hatten ein bescheidenes Leben und ein schönes zweistöckiges Haus, meine Eltern wohnten unten. Wir waren schon in Jordanien als die Bomben fielen. Wir haben sie dort verloren. Wir haben alles verloren. Warum, ya rabbi? Wir haben doch niemanden etwas getan. Wir hatten nur ein Leben, das wir gut führen wollten, keiner von uns war politisch. Was wussten wir was die Freie Syrische Armee oder die Regierungssoldaten bedeuteten, worum sie eigentlich kämpften. Wir waren einfach nur gefangen im Feuer des Gefechts. Wir sind geflohen und fliehen immer noch, wir kommen nicht an. Mein Ältester in Jordanien, allein und unglücklich, mein Jüngerer ein Unruhestifter, er kommt mit den Lehrern nicht klar. Immer gibt es Beschwerden über ihn in der Schule. So war er nicht in Syrien. Einzig meine Tochter ist mir geblieben, schluchzt Umm Ahmed.

Deine Tochter ist jetzt deine Zukunft Umm Ahmed. Für sie ist alles noch offen. Sie wird hier in die Kita gehen, deutsch lernen, wahrscheinlich Abitur machen und studieren. Sei für sie da. Ich höre mich selbst sprechen und weiß nicht so recht, ob das vielleicht auch schon zu hart ist. Hatte ich gerade so gesprochen, als ob aus Umm Ahmed und den anderen nichts mehr werden würde. In sha Allah, ya Sultan. In sha Allah, es tut mir leid, ich habe deine Zeit in Anspruch genommen. Du hast sicher viel zu tun und musst jetzt zusehen wie ich weine, du wolltest nur helfen und jetzt siehst du mich in diesem Zustand. Ich habe mich so lange zusammengerissen, manchmal fand ich einen kurzen Augenblick und wollte weinen. Aber es ging nie, und jetzt kann ich dir endlich gute Nachrichten verkünden, aber die Tränen kämpfen sich hoch. Es tut mir leid, prustet es zuletzt aus Umm Ahmed heraus. Vielleicht bin ich gekommen, damit du endlich weinen kannst, Umm Ahmed. Ist doch schön, dann war mein Kommen nicht vergebens.

Es ging also nicht um die Wohnung oder um den Tee, es ging darum dir beim Weinen Beistand zu leisten. Beim Sprechen halte ich meine eigenen Tränen zurück, tief im Inneren weiß ich, dass Umm Ahmed etwas braucht, dass ich ihr nicht geben kann. Sie braucht ein Zuhause mit ihrer Familie, mit allen, mit Ahmed der in Jordanien ist und ihren verstorbenen Eltern. Hier in Deutschland wird sie jetzt endlich eine Wohnung bekommen, aber bis es ein Zuhause ist, müssen sich gewisse Dinge ändern und alte Wunden heilen. Gott soll dich belohnen ya Sultan, mögen alle deine Wünsche in Erfüllung gehen. Allah khaliki Umm Ahmed sage ich, du bist für mich wie eine ältere Schwester. Es wird alles gut von nun an, in sha Allah. Ich sollte mich auf den Weg machen, es ist schon spät. Was ist mit der Orange, lass sie nicht zurück. Nimm sie mit. Iss sie auf dem Weg, beteuert Umm Ahmed.

Eine Stunde später sitze ich alleine in der Küche. Mein Mann bringt unsere Tochter zu Bett. Obwohl ich Hunger habe, kann ich nicht essen. Ich schaue auf meinen Teller und frage mich, was das ist dieses Gefühl. Manchmal ist das Verlangen danach so groß, dass es nicht in ein Schloß passt. Dann zwischen vier ineinander greifenden Händen lebt es auf und erweckt auch die Herzen zum Leben. Das Gefühl heißt zuhause. Dieses Gefühl habe ich selbst auch schon vergessen. Umm Ahmed hat mich wieder daran erinnert. Ich nehme die Orange aus meiner Jackentasche und spüre wie es gleich in mir regnen wird. Lass sie nicht zurück. Nimm sie mit, höre ich Umm Ahmed noch einmal sagen. Du hast so Recht Umm Ahmed. Sie haben alle Recht, die für die Familienzusammenführung mit ihren Liebsten kämpfen. Es geht nicht allein um Wohnungen oder um Sozialleistungen. Es geht um ein zuhause, auf ein Leben mit seiner Familie, mit seinen Nächsten und Liebsten. Sie haben Recht, aber Lam Shamal allein wird ihnen dieses Recht nicht erteilen. Kein Staat und kein Gesetz kann hier rechtschaffend sein. Ich halte die Orange an meine Nase und rieche daran, während es in mir fürchterlich gewittert. Meine Augen geschloßen höre ich nun dem gleichmäßig fallendem Regen zu.

[1] Die Namen wurden redaktionell geändert.

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