Deutschland, Fußball und die Türkei

Yunus – Mentor seit Februar 2016

Wir schreiben wieder einmal den 01.Mai. Es wird Zeit für den traditionellen „MuslimCup“, an dem ich schon seit meiner Kindheit teilgenommen habe, weil es immer Anlass war, um zusammen zu kommen und auch an den jeweiligen Turnieren teilzunehmen. In den letzten Jahren nahm ich mit Verwandten immer am Volleyballturnier teil, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Doch bei der diesjährigen Ausgabe hatte ich eine ganz besondere Aufgabe. Ich durfte das „Wegweiser-Team“, eine Mannschaft aus jungen Geflüchteten, als sog. „Spielertrainer“ betreuen. Das stellte sich als keine ganz so einfache Aufgabe heraus. Jeder Spieler besaß nämlich eine ganz eigene, individuelle Fluchtgeschichte, eigene kulturelle Gewohnheiten und brachte somit unterschiedliche Mentalitäten ins Spiel. Darüber hinaus kam die Sprachbarriere hinzu, da es nicht immer problemlos war, sich auf Deutsch zu verständigen. Doch von dieser ungemeinen Vielfalt profitierte unser Team. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen wieder, am Ende schlossen wir das Turnier mit zwei Siegen und drei Niederlagen ab. Eine beachtliche Bilanz, wenn man bedenkt, dass die Truppe zum ersten Mal in dieser Konstellation ohne jegliche Vorbereitung zusammen spielte. Eine beachtliche Bilanz, wenn man bedenkt, dass Dutzende Spieler auf unterschiedlichstem Niveau spielen sollten, damit jeder am Ende zumindest einen Einsatz vorweisen konnte. So war es vor jedem Spiel so, dass unsere Ersatzbank größer war als die Startelf. Eine beachtliche Bilanz, wenn man bedenkt, dass Syrer, Afghanen, Türken und Deutsche problemlos miteinander spielten und harmonierten. So ist es eben schon immer gewesen. Der Sport verbindet. Er überbrückt Unterschiede, denn das Einzige was hier zählt, ist die Liebe und die Leidenschaft zum Ball.

An diesem Tag lernte ich auch Abdulahmet kennen, einen jungen Menschen afghanischer Herkunft, mit dem ich vieles gemeinsam hatte und der anschließend mein Mentee werden sollte. Ein kleiner, schmächtiger und zierlicher Jugendlicher, mit dem mich vor allem eines verband. Die Liebe zur türkischen Sprache. Abdulahmet lebte einige Jahre in der Türkei, bevor er sich aufmachte, nach Deutschland zu kommen, da er dort keine Aufenthaltsgenehmigung erhielt. Und trotzdem war er dem Land keineswegs feindlich gesinnt, ganz im Gegenteil, er geriet regelrecht ins Schwärmen, wenn er von seiner Zeit und den Menschen dort erzählte. Da er die Sprache auch außerordentlich gut beherrschte, war es fortan kein Problem mehr, sich mit ihm zu unterhalten. Ich kann es nachvollziehen, dass es ihm schwerfällt hier anzukommen und sich heimisch zu fühlen. Ich verstehe seine Bedenken an der „deutschen Bürokratie“, seine Kritik an den ganzen Formalitäten im Integrationskurs. Umso mehr verstehe ich aber, dass Abdulahmet mich braucht. Ich weiß, dass er sich, wie auch ich manch einmal, zurücksehnt. Umso mehr macht es mich traurig, dass ich ihn seitdem nur ein einziges Mal gesehen habe. Auch wenn ich ehrenamtlich mittlerweile anderweitig meinen Fokus gelegt habe, weiß ich, dass ich Abdulahmet bald wiedersehen werde. Ich freue mich schon darauf, mich mit ihm über die grundlegenden Sachen auszutauschen. Deutschland, Fußball und die Türkei.

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