AFZ – Anne Frank Zentrum

  • Anne Frank Zentrum
    Anne Frank Zentrum

 

Unsere Mentorin Sultan berichtet von ihrem Ausflug zum Anne-Frank-Zentrum in Berlin. Es war für alle Mentor_innen und deren Mentees ein sehr interessanter Ausflug:

Am 16.07. 2016 um 15.30 Uhr haben wir Mentoren des Wegweiser-Projektes uns auf den Weg ins Anne-Frank Zentrum in Berlin, Mitte gemacht. Die anwesenden MentorInnen und Natalia Amina Loinaz hatten bereits vor einigen Wochen ihren Mentees Bescheid gesagt. Allerdings hatten meine Mentees (3 Frauen mit Kindern) abgesagt. An diesem Samstag scheinte die Sonne und ich konnte es verstehen, dass die Frauen lieber Zeit im Freien mit ihren Kindern verbringen wollten. Die Anwesenden MentorInen waren: Kalina, Esin, Masin. Kalina und Esin wurden von ihren Mentees begleitet, Masin brachte einen Freund mit, der sich für das Mentorenprogramm generell interessierte. Zudem wurde die Führung von meiner Professorin Deniz Göktürk und ihrer Kolleging Barbara Wollbert begleitet. Die beiden Akademikerinnen wollten sich ein Bild darüber machen, wie das Flüchtlingscoaching in der Praxis aussieht. Nesreen Hajjaj, die für die Führung im AFZ gebucht ist, hat sich darauf eingestellt auch ins Arabische zu übersetzen. Allerdings ist der zweite Mentee ursprünglich aus Afghanistan, ihm kann keine Übersetzung angeboten werden.

Im Anne-Frank Zentrum angekommen, begrüßt uns Nesreen herzlich. Wir legen unsere Taschen ab. Ich stelle Nesreen auch noch einmal persönlich bei Deniz und Barbara vor. Ich sehe wie erstaunt beide wirken, dass eine muhajjaba durch die Ausstellung führen soll. Nesreen betont noch einmal, dass sie pünktlich anfangen und zeitig durchkommen will, also ganz deutsch. Sie begrüßt uns auch noch einmal auf Arabisch. Die nächsten zwei Stunden stehen gänzlich unter der Regie Nesreens. Wir nehmen uns Hocker und setzen uns vor die erste Station. Wir sehen ein großes Hochzeitsbild von Anne Franks Eltern. Nesreen begrüßt uns noch einmal und sagt, es wird hier keine typische Museumsführung werden, dass liegt am AFZ selbst. Sie betont, dass sie uns kurz in die Familiengeschichte Anne Franks einführen wird, wir dann aber selbständig durch die Ausstellung arbeiten werden und unsere Arbeiten der größeren Gruppe zur Diskussion stellen.

Es geht los. Wir schauen auf das Hochzeitsfoto der Eltern. Die Mutter und der Vater stehen frisch vermählt und glücklich auf Treppen. Die Mutter trägt ein Brautkleid, eine Haube und hält einen Blumenstrauß in der Hand. Der Vater trägt eine Uniform. Warum trägt der Vater eine Uniform, werden wir gefragt. Einer antwortet, dass er wohlmöglich im Krieg war oder zumindest Soldat gewesen ist. Genau, sagt Nesreen, er war Soldat im 1. Weltkrieg und damals galt der Krieg und der Dienst im Krieg als Ehrenhaft. Der Vater ist also stolz auf die Uniform. Was fällt euch noch auf, fragt Nesreen. Wir schauen genauer auf das Foto an den Rändern sind die Eltern des Brautpaars in Kreisrahmen dargestellt. Wahrscheinlich ein nachträglicher Effekt um den Stammbaum darzustellen. Nesreen macht uns noch einmal auf die Kopfbedeckung der Mutter aufmerksam. Nesreen erklärt, dass dies eine typisch-traditionell jüdische Kopfbedeckung ist. Der Vater allerdings trägt keine Kippa. Vielleicht sieht man die Kippa nur nicht, wirft Barbara ein. Nein, sagt Nesreen, er trug keine. Man würde zumindest die Spitze sehen oder die Schnalle. Man sieht gar nichts, das liegt daran, dass der Vater nicht religiös war und auch nicht aus einer religiösen Familie stammte. Die Mutter hingegen stammte aus einer traditionell jüdischen Familie und sie war es auch selbst.

Nun gut, lasst uns 5 Gruppen bilden sagt Nesreen. Die Gruppen sind schnell gebildet und Deniz und ich entscheiden uns zusammen zu bleiben. Wir schauen in einen Gang. Rechts von uns gibt es eine Zeitleiste. Sie fängt mit der Geburt Anne Franks im Jahre 1929 an, es hängen auch Fotos und Zeitungsartikel an der Wand. Auf der linken Seite gibt es ebenfalls einen Zeitstrahl, der auch im Jahre 1929 anfängt, allerdings hält der eher eine politische Geschichte Deutschlands fest. Man sieht das Brandenburger Tor, Swastikaflaggen, Aufmärsche. Beide Zeitstrahle enden 1945. Nesreen macht es uns zur Aufgabe, dass jede der 5 Gruppen zu einem bestimmten Lebensabschnitt Anne Franks forscht. Wir sollen herausfinden in welcher Entwicklung sich Anne damals persönlich befand und wie der politische Kontext sich auf ihr Leben äußerte. Abschließend sollen wir mindestens ein Bild aussuchen, das wir besonders eingehend diskutieren wollen. Kalina und Ihr Mentee Bearbeiten den 1. Abschnitt. Kalina erzählt, dass Anne Frank sich eher näher zum Vater fühlt und dass das Verhältnis zu Mutter schwierig scheint. Es scheint, dass die Mutter sie auch eher traditionell erziehen wollte. Die Familie war relativ wohlständig und hatte sich für ein Ausreisevisum in die USA beworben, es aber leider nicht erhalten.

Nesreen nickt und kommentiert. Sie sagt, dass sie die Passagen liebt, in denen sich Anne Frank mit ihrer Mutter so detailiert auseinandersetzt. Anne hat das Gefühl, dass sie niemals den Erwartungen ihrer Mutter entsprechen wird, im Gegensatz zu ihrer älteren Margot. Margot ist gefolgsam, betet, befolgt die jüdischen Rituale, sie kommt ganz nach ihrer Mutter. Anne beschreibt, wie sie sich immer wieder innerlich sträubt. Das erinnert mich an mein eigenes Verhältnis mit meiner Mutter, die auch sehr religiös ist, sagt Nesreen. Ich habe mich manchmal auch gefragt, warum ich denn jetzt beten muss oder warum ich bestimmte Dinge nicht machen darf. Manchmal habe ich mich auch gegen die strenge Religiösität meiner Mutter aufgelehnt, endet Nesreen. Ich bin ein wenig erstaunt, Nesreen scheint sehr in ihrer Religiösität aufzugehen. Eine muhajjaba, die immer lange Mäntel oder schwarze Kleider anhat und sich auch sonst vom Leben nichts nehmen lässt. Aber ihr Narrativ bildet einen spannenden Bogen zwischen Ausstellungsobjekten und Identifikation mit Anne Frank.

Den Gruppen stehen ca. 10 Minuten zu, ein Bild oder ein Objekt zu finden, dass sie der größeren Gruppe zeigen können. Im Weiteren werde ich nur drei Stationen beschreiben. Die zweite Station behandelt den Zeitraum von 1933-1940. Anne Frank besucht die Montessori Schule. Die Familie scheint auf Bildung sehr viel Wert gelegt zu haben. Die Schule ist auch eine besondere, fortschrittliche Einrichtung. Anne Frank mag die Schule und liest gern, schreibt gern. Sie hatte sich in der Zeit der zionistischen Jugendgruppe angeschlossen. Durch die bedrohliche Situation wurden die jüdischen Schüler enger zusammengeschweißt. Sie waren eben durch ihre Zugehörigkeit verbunden. Die dritte Station spielt sich nach der Besatzung Hollands durch die Nazis ab. Die Franks müssen sich nun verstecken. Die Tagebucheinträge Annes werden schwerfälliger, nachdenklicher, tiefsinniger. Vor dem Einmarsch der Nazis gingen die Franks an der Nordsee baden, danach heißt es gut verstecken. Tagsüber nicht bewegen, nicht die Toilettenspülung benutzen. Ein Freund der Familie, muss mit ihnen das Versteck teilen. Anne mag ihn nicht. Zur gleichen Zeit befinden sich auch die Nazis in Holland. Es gibt ein Bild auf der gegenüberliegenden Seite wie ein strohblondes Pärchen am Strand in einer Sandgrube lieg und sich küsst. Über ihnen hängen dreieckige Nazifahnen mit Swastikas. Es wirkt eigentlich feierlich, wäre da nicht das Wissen darum, was diese Fahnen bedeuten. Der syrische Flüchtling fragt, warum Nesreen auf beide Fotos aufmerksam machen will Franks vs. Nazis am Strand? Was ist die Verbindung? Nesreen erklärt, dass der Alltag der Nazis in Holland eben auch von schönen Dingen geprägt war, obwohl sie Angst und Schrecken für die Franks bedeuten. Ich versuche es auch noch einmal zu erklären, dass es eine Gleichzeitigkeit des Lebens gibt, dass das Leben der Franks durch die Nazis eingeschränkt wird, während die Nazis so wie gewöhnliche Menschen auch an den Strand gehen und ihr Leben genießen. Er nickt.

In der 5. Station gibt es keine Bilder mehr von Anne, Margot und Helene Frank. Leider sind sie im KZ umgekommen. Der Vater bekommt durch Bekannte Annes Tagebuch. Zur gleichen Zeit verlieren die Nazis den Krieg an der Ostfront, die deutschen Besatzer ziehen ab und die Deutschen verlieren den Krieg. Deniz findet ein Bild, wo in einem lokalen Kino, die Grauen der KZs als Dokumentarfilm aufgeführt wurden. Es wird berichtet, dass zwei Mädchen, die während der Aufführung lachten, werden gezwungen, den Film noch einmal alleine zu sehen. Die zwei Mädchen könnten Altersgenossinnen von Anne und ihrer Schwester sein.

Wir haben eine kurze Pause und gehen in den zweiten Raum über. Alle sehen sich aber noch ein wenig im ersten Raum um. Die zwei Flüchtlinge sehen sich auch um. Der junge Mann aus Syrien, schaut sich die Kriegsbilder an. Auf der anderen Seite angekommen erklärt uns Nesreen, dass die 4 räumlich aufbereiteten Stationen Themeninseln darstellen. Es geht auch um die Themen, die Anne Frank damals schon beschäftigt haben: Krieg, Identität, Träume, und auch Diskriminierung. Nesreen sagt, dass sie das Tagebuch von Anne Frank sehr gerne liest, weil es wirklich bis heute relevant ist und viele der damals gestellten Fragen, heute auch noch einmal gestellt werden können. Nesreen übersetzt noch einmal alles und sagt dann auf Arabisch, dass sie manchmal resümiert, dass Diskriminierung aus der arabischen Welt kommt. Nesreen führt aus, dass Palästinenser in den meisten arabischen Länder weniger Rechte haben und in Saudi-Arabien sogar weniger verdienen. Sie wiederholt das noch einmal auf deutsch. Ich bin ein wenig erstaunt, dass Nesreen so eine starke Aussage macht, vorallem, weil moderner Rassismus und Diskriminierung sehr europäisch geprägt sind. Der Holocaust ist ein sehr europäisches Phänomen vergleichbar mit anderen Kolonialverbrechen in den außereuropäischen Kolonien.

Im Gegensatz zum vorherigen Raum wirkt dieser ein wenig seicht und zu unernst. Ich störe mich an diesem Raum, weil ich finde, dass keine türkisch-arabische Person mit ihrem Profil vorgestellt wird. Die Schüler wirken alle sehr glatt mittelschichtig auf mich. Nesreen beschwichtigt, dass Maria türkisch-stämmig ist, auch wenn der Name dies nicht verrät.

Natalia erzählt auch noch einmal, dass sie die Biografie Anne Franks so spannend findet, weil man daran Persönliches und Politisches in einer Verwobenheit sieht, die vielen Flüchtlingen bekannt vorkommen muss. Der Besuch soll also auch dazu dienen biografische Narrative schreiben oder erzählen zu können. Man müsste dafür wahrscheinlich Passagen aus Anne Franks Tagebuch lesen oder sich mit den Mentees auch in Erzählworkshops auseinandersetzen.

Das Zentrum ist schon am Schließen. Wir laufen runter und stellen uns vor das Anne Frank Grafitti und machen noch ein Gruppenfoto, allerdings sind einige schon gegangen. Anne Frank irgendwie eine Ikone, sie lächelt auf dem Grafitti. Ein Lächeln, dass die Welt zu früh verlassen hat.

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